Vor allem vernebelt man damit die Sicht auf die echten Nazis. Wenn alles Konservative automatisch "Nazi" wird, können auch Nazis sich unter diesen Generalverdacht mogeln und sich so normalisieren.
Merz ist ein ***, und ich freue mich diebisch, wenn ihm eine Kanzlerschaft verwehrt bleibt. Aber in meinen Augen besteht da noch ein qualitativer Schritt zwischen ihm und einem brandgefährlichen Faschisten wie Höcke. Auf den gehört das Brennglas gerichtet und fokussiert jedes niederträchtige Attribut seiner Ansichten klar herausgeschält. Er soll sich hinter niemandem verstecken, in keiner größeren Menge untertauchen können.
Ich weiß nicht wo das herkommt, dass die Nazikeule herausgeholt werden muss, um konservative Parteien zu kritisieren. Konservative demokratische Parteien können scheiße sein, können elitär, libertär, wertekonservativ, rassistisch, fremdenfeindlich sein, und trotzdem keine Nazis. Das macht sie nicht weniger gefährlich. Wenn alles was scheiße ist automatisch Nazi ist, dann reden wir überhaupt nicht mehr darüber, wieso es scheiße ist und wo es herkommt, sondern legen das in eine Schublade und haken es ab.
Den Konservativen fehlen zum Nazismus in meinem Augen zwei Dinge, zum Einen der diktatorische Wille, nach der Machtergreifung alle Feinde zu beseitigen und sich nicht der möglichen demokratischen Abwahl zu stellen. Das trifft auf die Union erkennbar nicht zu. Das sehen wir bei Republikanern in den USA, die Richterposten besetzen, gerrymandern und auch sonst jeden halbwegs legalen Trick anwenden. Oder Meloni in Italien, die Kultur, Medien, Bildungseinrichtungen und Politik systematisch mit Rechten besetzt und sich damit dauerhafte Kontrolle sichert. Oder einige Stimmen aus der AfD, die hinter gar nicht mehr so ganz vorgehaltener Hand fantasieren, was sie machen, wenn sie mal an der Macht sind.
Der zweite ist die verschwörungstheoretische Komponente, das Gerede von der Elite, vom Mainstream, von der Hochfinanz, vom Judentum, was insgeheim die Geschicke lenken würde und damit das hart arbeitende Bürgertum unterdrückt. Auch dieser strukturell oder tatsächlich antisemitische Teil fehlt bei den Konservativen fast komplett, ist aber historisch für die Naziideologie ein entscheidendes Puzzleteil.
Nationalismus, Rassismus, Sexismus, Klassismus und sonstige Menschenfeindlichkeiten sind auch in demokratischen Parteien der Mitte, in der Gesamtbevölkerung und auch unter Linken weit verbreitet und das kann und sollte kritisiert werden können, ohne das als Nazitum zu bezeichnen.
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