SPD-Bundestagsfraktion: Ein Moment mit historischer Wucht – und Boris Pistorius erkennt ihn

4 days ago by MaggiWuerze to c/dach

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SPD-Bundestagsfraktion: Ein Moment mit historischer Wucht – und Boris Pistorius erkennt ihn Robert Pausch 9 - 10 Minuten

Es gibt in der Politik ja immer wieder diese Momente der Klarheit. Momente, in denen sich die Dinge sortieren. Und in denen man erkennen kann, wer begriffen hat, was die Stunde geschlagen hat – und wer nicht.

Am Dienstag war ein solcher Moment. Am Mittag wurde in Magdeburg der erste Parlamentspräsident einer rechtsextremen Partei gewählt. Tobias Rausch, der AfD-Mann, erhielt dabei nicht nur die Stimmen von AfD und BSW, sondern – wie Recherchen der ZEIT nahelegen – vermutlich auch die Stimmen von Abgeordneten der CDU. Noch kurz zuvor hatte Fraktionschef Sven Schulze angekündigt, seine Fraktion werde sich geschlossen enthalten. Am Ende allerdings gab es im Landtag bei 14 anwesenden CDU-Abgeordneten nur fünf Enthaltungen. Und Rausch erhielt mit 48 Stimmen vier Stimmen mehr als BSW und AfD Abgeordnete zählen. Später wurde dann auch Hans-Thomas Tillschneider als Vizepräsident des Parlaments gewählt. Tillschneider ist der Chefideologe der völkischen AfD. Das BSW hatte angekündigt, ihn nicht zu wählen. Trotzdem erhielt er eine Mehrheit von 44 Stimmen, möglicherweise kamen auch hier die Unterstützer aus der Union. Die AfD hat selbst jedenfalls nur 39 Sitze. Viel sprach nach diesem Nachmittag dafür, dass abermals jene Kräfte, die sich selbst als bürgerlich bezeichnen, der radikalen Rechten in Deutschland zur Macht verholfen haben.

In einem solchen Moment gibt es eine entscheidende Frage: Verfügt dieses Land über eine politische Elite, die die Lage erkennt? Die die Wucht des Moments auffängt, rhetorisch und symbolisch? Wer den Moment erkannt hat – und wer nicht

Es gibt diese Leute, das konnte man gestern sehen, und über sie sollte man sprechen.

Aber zuerst sollte man über jene sprechen, die den Moment verpasst haben, sei es aus ideologischer Verbortheit, sei es aus Opportunismus. Zu letzteren gehört zum Beispiel Serap Güler. Güler ist Staatsministerin im Auswärtigen Amt, sie war mal Integrationsstaatssekretärin in NRW und gilt als eine der liberalen Stimmen in der Union. Gestern formulierte sie wohl die bedrückendsten Worte zu dem, was in Sachsen-Anhalt geschah: Das Abstimmungsverhalten ihrer Parteifreunde in Sachsen-Anhalt erklärte sie zu einer Art politischen Notwehr. Grüne und SPD hätten mit den Koalitionsgesprächen in Berlin die CDU quasi dazu gezwungen, für die AfD zu stimmen. »Ihr Grünen seid seit der Wahl in Berlin dabei, diesen Mist zu befördern. Wenn’s für euch kein Problem ist, mit Extremisten gemeinsame Sache zu machen, dürft ihr euch über Entwicklungen wie heute nicht wundern«, schrieb sie.

Bedrückend war Gülers Post, weil sich hierin die ganze Hilflosigkeit des liberalen Teils der CDU widerspiegelte. Ganz offenkundig hat man nicht mehr die Kraft und den Mut, das Verhalten der eigenen Leute zu kritisieren, sondern verlegt sich bloß noch darauf, es zu rechtfertigen. Man versucht, SPD und Grüne zu maßregeln, weil in der eigenen Partei ganz offenkundig niemand – wirklich niemand – mehr Autorität besitzt, um die eigenen Leute zu maßregeln, wenn es nötig wäre. Und ausgerechnet in der Partei, die so gerne von Eigenverantwortung redet, wenn es etwa um den Sozialstaat geht, lautet nun die Devise: »Die anderen sind schuld, dass wir so handeln!«

Man kann als bürgerlicher Politiker die Linke verachten, man kann sie bekämpfen. Aber sich das Hufeisen so zurechtzubiegen, dass Elif Eralp am Ende irgendwie dasselbe ist wie Hans-Thomas Tillschneider, das ist nicht nur ignorant. Es ist ein Zeichen einer tiefen intellektuellen und moralischen Krise, in die sich die Christdemokratie hineinmanövriert hat.

Es gibt allerdings auch Politiker, die den historischen Moment erkennen – und ihn ergreifen. Zu jenen gehörte zuallererst und überraschenderweise: Boris Pistorius. Wie der Stern berichtete, meldete sich Pistorius in der Fraktionssitzung der SPD zu Wort. Er zitierte den überlieferten Satz des Malers Max Liebermann aus dem Januar 1933: »Ich kann gar nicht so viel fressen, wie ich kotzen möchte.« Dann forderte er seine Fraktion auf, zum Bebelplatz, dem Ort der Bücherverbrennung, zu laufen, wo er sich schließlich auf eine Getränkekiste stellte und exakt die richtigen Worte für diesen Moment fand.

Es sei kein Tag der Traurigkeit oder Betroffenheit, sondern ein »Tag der Wut«. Demokratische Kräfte hätten Rechtsextremen als Steigbügelhalter gedient. Sie hätten sich an der Demokratie versündigt. Nach diesem Einschnitt könne es keine Rückkehr zur Tagesordnung geben.

Man kann das nun kitschig finden oder folkloristisch. Man kann auch oberschlau darauf hinweisen, dass die SPD doch mit der Union gemeinsam in der Regierung sitze. Oder ebenso oberschlau fragen, was denn nun daraus folge. Man kann, wie einige Bundestagsabgeordnete der Linken, höhnische Tweets schreiben. Man kann sagen, das sei »cringe«. Man kann sich darüber lustig machen, dass Pistorius am Ende die Nationalhymne anstimmte und die SPD-Fraktion mitsang. An dieser Stelle ist ein externer Inhalt eingebunden

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Kann man alles machen. Diese routiniert-höhnischen Reaktionen von links sind allerdings ebenso kleinkariert wie die Sätze von Serap Güler. Boris Pistorius hat in einer historischen Sekunde die richtigen Worte gefunden. Er hat mit einem republikanischen Pathos gesprochen. Er war der erste SPD-Politiker seit sehr, sehr langer Zeit, dem es gelang, Menschen bei ihrem Gefühl zu packen. Sie emotional anzusprechen und nicht bloß technokratisch. »Komm, wir gehen jetzt zum Bebelplatz«

Große Politiker haben einen Sinn für den Moment. Sie können spontan sein, improvisieren. Sie können Menschen überraschen und gerade dadurch überzeugen.

Ja, die Pistorius-Rede war bloße Symbolik. Aber was waren denn die Simson-Ausfahrten von Ulrich Siegmund? Was war überhaupt der ganze Alles-ist-möglich-Wahlkampf der AfD? Es war das Schüren von Hoffnungen, von Emotionen und Projektionen. Politik ist eben nicht bloßes »Problemlösen«, wie es oft heißt, sondern eben auch symbolische Kommunikation: die Hoffnungen und Ängste von Menschen erkennen und adressieren. Es gehört zu den großen Problemen der politischen Linken, dass sie diese sinnliche Dimension der Politik vergessen hat. Wer immer erst dann zu reden anfängt, wenn ein fertiger Fünf-Punkte-Plan in der Schublade liegt, der redet ganz sicher immer zu spät. Welches Szenario sich jetzt abzeichnen könnte

Es ist noch zu früh, zu sagen, ob aus diesem Moment mehr wird als eine gute Rede auf der Getränkekiste. Aber durchdenken sollte man schon einmal, welches Szenario sich gerade abzeichnen könnte: In der CDU schreitet der Autoritätsverlust voran. Abgeordnete in Sachsen-Anhalt machen, was sie wollen. Fraktionsdisziplin ist ein Wort aus einer längst vergangenen Zeit. Ein hessischer Ministerpräsident bringt sich selbst als Merz-Ersatz ins Spiel und empfiehlt seiner Partei, die AfD nicht länger auszugrenzen. Es ist nicht ganz leicht zu sagen, wer schneller fällt: Friedrich Merz oder die Brandmauer?

Es gehört nicht viel Fantasie dazu, um sich vorzustellen, dass in einer solchen Lage für eine Pistorius-SPD hier einiges zu gewinnen wäre. Klar, auch die SPD befindet sich in einer tiefen Krise, die programmatischen Fragen sind weitgehend ungeklärt. Aber die Kombination aus einem zentristisch-vernünftigen Politikangebot, glasklarem Antifaschismus und niedersächsischer Kernigkeit könnte schon genügen, um mittige Wähler in großer Stückzahl zur SPD zu bewegen.

Keine sogenannte »Partei der Mitte« hat gerade ein überzeugendes Angebot und eine fesselnde programmatische Idee. Umso mehr kommt es auf Personen an. Auf Politiker, die situatives Geschick haben. Die einen historischen Moment erkennen und zur richtigen Zeit sagen: »Komm, wir gehen jetzt zum Bebelplatz«.

A_norny_mousse 11 points 4 days ago

Am Ende allerdings gab es im Landtag bei 14 anwesenden CDU-Abgeordneten nur fünf Enthaltungen.

Die können sich einfach nicht enthalten wenn's um Nazis geht 🍆💦

Weiter...

Serap Güler (...) Das Abstimmungsverhalten ihrer Parteifreunde in Sachsen-Anhalt erklärte sie zu einer Art politischen Notwehr. Grüne und SPD hätten mit den Koalitionsgesprächen in Berlin die CDU quasi dazu gezwungen, für die AfD zu stimmen. (...) Wenn’s für euch kein Problem ist, mit Extremisten gemeinsame Sache zu machen, dürft ihr euch über Entwicklungen wie heute nicht wundern

"Schau, wozu du mich gezwungen hast!" (dass Die Linke hier als extremistisch dargestellt wird und die AfD nicht ignorier ich jetzt mal)
Das Argument ist auch nichts neues mehr. Die CxU hat ziemlich viele Argumente dafür warum andere daran Schuld sind dass sie sich dem Faschismus zuwenden, und allesamt gehören sie seit über 10 Jahren zur Grundausstattung.


Ob ich das jetzt glaubhaft finde dass Pistorius, als Karrierebürokrat, plötzlich sein Revolutionärsherz gefunden hat... na ja. Aber darum geht es dem Artikel ja auch:

Ja, die Pistorius-Rede war bloße Symbolik. Aber was waren denn die Simson-Ausfahrten von Ulrich Siegmund?

Und das hier ist eben die richtige Art sich an die Methoden der AfD anzunähern, und nicht an ihre Werte.

Die AfD kann nur eine Sache gut: Populismus (vor allem digital). Wenn die SPD 20 Jahre brauchte um das zu erkennen - Jahre nach der Linken - verkneife ich mir die Häme und freue mich erstmal.

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homoludens 4 points 4 days ago

Es gehört zu den großen Problemen der politischen Linken, dass sie diese sinnliche Dimension der Politik vergessen hat.

Mein Problem mit der Rede ist, dass sie nichts weiter als ein moralischer Appell ist, doch bitte keine Faschist:innen an die Macht wählen. Und dass der aus einer Partei kommt, die immer noch nicht für ein Verbotsverfahren ist, sondern dieses immer noch nur "prüfen" will. Und ja, Pistorius selbst scheint da stabiler aufgestellt zu sein, aber es war eben eine Veranstaltung der SPD-Fraktion.

Im Übrigen: "Das ist die Stunde der Demokratinnen und Demokraten, und zwar nicht voller Demut oder Enttäuschung oder Traurigkeit.[...] Es ist der Tag von Wut. Es ist der Tag von Enttäuschung darüber dass Demokratinnen und Demokraten offenbar nichts gelernt haben aus der Geschichte" Sorry, aber das ist nicht nur rhetorisch ungeschickt, da kommt auch keine Wut rüber.

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MaggiWuerze 8 points 4 days ago

Vllt braucht es da eine Audioaufzeichnung, aber ja... Das hat so was von "Amerikaner aus dem mittleren Westen ist wütend also wünscht er dir nur einen schönen Tag, statt einem wundervollen"

Am Ende bin ich trotzdem dankbar, dass er sich da öffentlich positioniert hat und würde hoffen, dass der Rest der SPD da aufwacht und der CDU ne Ansage macht wo sie sich ihre Koaltition hinstecken können wenn sie Demokratiefeinde in ihren Reihen nicht nur duden sondern sogar protegieren. Aber das is wohl genau so wahrscheinlich wie dass Klingbeil und Bas ihren Posten aufgeben bevor das Ziel <5% erreicht ist

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homoludens 5 points 4 days ago

Mitreißend finde ich es auch im Audio nicht: https://www.youtube.com/shorts/cel18hHQi3c

Aber ja, es ist besser als nix. Und vielleicht gibt's dadurch ja etwas mehr Geschlossenheit innerhalb der SPD, beim Verbotsverfahren mal Dampf zu machen. Andererseits habe ich sowas bei der SPD schon zu oft gedacht.

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MaggiWuerze 4 points 3 days ago

Also ich finde man merkt da schon dass ihn das aufregt. Ein zornflammende Rede is aber was anderes

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it_depends_man 1 point 3 days ago

Man kann das nun kitschig finden oder folkloristisch.

egal.

Man kann auch oberschlau darauf hinweisen, dass die SPD doch mit der Union gemeinsam in der Regierung sitze. Oder ebenso oberschlau fragen, was denn nun daraus folge. [...] Man kann sagen, das sei »cringe«.

Ja, würde ich sagen.

Diese routiniert-höhnischen Reaktionen von links sind allerdings ebenso kleinkariert wie die Sätze von Serap Güler.

Äh. Ok.

Vielleicht ist die Spaltung einfach so tief das die Republik scheitert. Kann sein.

Genau diese Aktion ist sinnbildlich für die Hilflosigkeit, die Ineffektivität und die Bedeutungslosigkeit der SPD. Symbolpolitik funktioniert nur bei Menschen bei denen die Symbolik gut ankommt. Der Kreis beschränkt sich im Moment auf die SPD Wähler und erreicht sonst niemanden mehr. Nicht die AfD oder die CDU und nicht den Rest des linken Spektrums. Die SPD ist einfach nicht mehr Meinungsführer und Meinungsmacher.

Es gehört zu den großen Problemen der politischen Linken, dass sie diese sinnliche Dimension der Politik vergessen hat.

Ich würde im Gegenteil sagen das das linke Spektrum insgesamt viel zu sehr auf Symbolik setzt und zu wenig Fakten, Lösungen und Vorschläge bietet. "Zusammenhalt" schafft keine Arzttermine, "Solidarität" senkt keine Miete und "breite Bündnisse" sind tatsächlich das verzweifelte Lagerbilden von sehr wenigen Engagierten, die in zersplitterten NGOs gegenseitig die gleichen Parolen, Aktionen und "Bildungsangebote" austauschen und sich gegenseitig erzählen wie geil sie doch alle sind und die eben nicht repräsentieren was "die Breite" der Bevölkerung denkt und fühlt.

Ich finde die Aktion von Pistorius nicht "zu verurteilen" oder so, es ist schlimmer, ich finde sie belanglos. Das ein Mensch an der Spitze des politischen Systems ernsthaft meint, eine weitere Rede und das sektenhafte pilgern, von einem symbolischen Ort der Demokratie zu einem anderen...

Das Problem ist nicht das für die letzten 20, 30 Jahre die falsche Götzenstatue oder die falsche Beschwörungsformel benutzt wurde.

Religionsfreiheit und Meinungsfreiheit in allen Ehren, Pistorius kann machen und sagen was er will, aber die Erwartungshaltung das SOWAS funktioniert, ist kindischer Aberglaube.

Oder ebenso oberschlau fragen, was denn nun daraus folge

Es ist eigentlich keine Frage mehr. Wenn sie noch gestellt wird, ist sie seit langer Zeit retorisch. Die SPD hat seit Jahrzehnten nichts getan, sie wird auch jetzt nichts tun.

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MaggiWuerze 7 points 3 days ago

Es wäre ein schöner Auftakt, wenn etwas substantielles folgen würde. Käme jetzt tatsächlich eine reformierte SPD, die die Seeheimer wieder an den Rand oder am besten aus der Partei drängt und würde ein überzeugendes Angebot machen, dann könnte man an diesen Moment zurückdenken und voller Stolz sagen, da hätte es begonnen.

So, muss ich dir leider recht geben. Es wird am Ende vermutlich dabei bleiben, die SPD wird weiter beim Raubbau an unserem Sozialstaat mitarbeiten und die Union wird fröhlich ihr bestes blaues Hemd raus suchen.

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